Seit 1998 erzeugten Luise von Racknitz und Matthias Adams am Disibodenberg Rieslinge, die zu den ungewöhnlichsten in dieser geschichtsträchtigen Gegend und weit darüber hinaus zählten - mit besten Rieslingbeeren aus erstklassigen Lagen, spontanvergärt, kräftig, eigenwillig, ja herausfordernd, glanzvoll. Nachdem Matthias Adams sich bereits mit dem Jahrgang 2014 verabschiedet hatte, beendete Luise von Racknitz 2018 die Weinproduktion und verkaufte die Lagen - darunter einige der ältesten Weingärten Deutschlands - an das nicht minder erstklassige Weingut Klostermühle. Wir werden unser Von Racknitz-Kapitel deswegen nicht schließen. Unser Vorrat an diesen besonderen Weinen ist beträchtlich und reicht noch für viele Jahre der Berichterstattung. Vor allem aber wollen wir Luise von Racknitz und Matthias Adams damit unseren Respekt erweisen.

Gesteinsweine

Die Weine aus der sozusagen Gesteinsfraktion stammen aus Weingärten, die von der Mikrobiologie des Schiefer- oder Vulkangesteins geprägt sind: 2009 Riesling trocken "Auf Schieferboden gewachsen": im ersten Moment Honig im Duft, dann ein außer Rand und Band geratener Kräutergarten, das alles von einer herben Note beherrscht. Im Geschmack trotz noch moderatem Alkohol voll, würzig, zitrusfruchtig und steinig mit straffer, perfekt eingebundener Säure, die das Wasser im Mund zusammenzieht und nach mehr verlangt. Der 2009 Riesling trocken "Auf Vulkanboden gewachsen" ist im Vergleich intensiver, direkter, rauher: die Kräuter werden trockener, der Bitterton wandert ins Rauchige, die Fruchtvielfalt wirkt konzentrierter. Der 2010er ist vielleicht des Jahrgangs wegen ein beinahe aggressiver Tropfen, bei dem man schon ausgesprochener Racknitz-Fan sein muß, um ihn zu genießen. Insgesamt scheinen uns die Gesteinsweine in ihrer Struktur unerbittlich transparent und klar, druckvoll, dank ihrer Mächtigkeit tolerant in der Auswahl begleitender Speisen, und sie zeigen schon diesen typischen Von Racknitz-Zweiklang von feuriger Bitternis und delikater Süße.

Lagenweine

Die 2010 Niederhäuser Klamm Riesling Spätlese gehört auf den ersten Schluck hin zur eher lieblichen Klasse: im Duft Aprikosenkompott, Quitte, etwas Marzipan, Haselnuß, später Honig: man glaubt zu wissen, was kommen wird. Im Mund wirkt der Klamm zwar immer noch sehr fruchtig, eingekochte Quitte, kandierte Ananas, überreifer Pfirsich, aber die Süße wird durch mineralische Bitternis eingefangen. Der Wein ist auch nicht mehr weich, sondern dank feiner Säure frisch und kräftig, sein Körper kompakt und nicht allzu leicht. Im intensiven Abgang taucht noch ein angebissener, schon braun werdender Apfel auf. Ein Alleinunterhalter. Der 2009 Niederhäuser Klamm Riesling trocken haute als junger Wein dem geneigten Kunden auf die Nase. Intensiv herber Gestank nach nassem Stein im Glas, dann scheint Aprikose durch und verschwindet wieder, ein Wechselspiel zwischen Steinhalde im Regen und Obstgarten im Sonnenschein. Gelbe Früchte, Kerzenwachs, Zitrus, Pfeffer beginnen sich zu zeigen. Der Stil opulent, ohne zu ermüden, beinahe meditativ. Perfekt eingebundene, saftige Säure als Rückgrat, gleitet dennoch sanft über die Zunge, bevor er mit langem, salzigem Nachhall verschwindet. Im Spätherbst 2015 macht er einen reifen Eindruck, scheint aber noch lange nicht den Umkehrpunkt erreicht zu haben. Hochvergnüglich, aber: der Niederhäuser Klamm ist wie die anderen Klasse-Rieslinge hier ein Solitär-Wein: er zieht Aufmerksamkeit auf sich, das Gespräch in der Runde stockt. Der Wein animiert, inspiriert und deckt den Geist nur ganz sanft zu. Ideal für einen Abend, an dem nichts Zweitklassiges die Gedanken stören soll.

2008 Traiser Rotenfels Riesling trocken: jetzt wirds schwerer. Im intensiven Duft frisch angeschnittener grüner Apfel, Zitrus, Kräuter und nasser Stein. 2014 geöffnet wirkte der Wein lebhaft und frisch. Perfekt eingebundene Säure, geschmacklich filigran: Thymian, Nüsse, Zitrus, Stein. Stilistisch trocken, füllig. Langer apfelfruchtiger und knochentrockener Nachgang. Einen 2011er öffneten wir im Sommer 2020. Der Wein ist phantastisch gereift und dürfte kurz vor seinem Höhepunkt stehen, im süßen Duft Vanille, gelbes Kernobst, Thymian und Wachs, im Mund hat sich die manchmal harte Mineralik der Jugend gelöst. Kies, Aprikose, ein schmelzendes Karamellbonbon, aber auch bitteres, nasses Leder. Süßer und staubtrockener Abgang; langer, bittersüßer Nachhall. 2006 Niederhäuser Kertz Riesling trocken: im Duft süße Mandeln, Rosen, Blütendüfte und abermals diese mineralische Bitternis. Im Mund von überwältigender Fülle. Die Süße kandierter Südfrüchte ist von dezenter Säure eingefangen. Sanfte, aber spannungsreiche Petrolnote kommt dank der sonnenexponierten Reblage hinzu. Diese Lagen bringen intensivere, dominantere Weine hervor als die Lage Kloster Disibodenberg. So gibt sich der 2009 Odernheimer Disibodenberg Riesling trocken im Mund schwächer, man könnte auch sagen: sanfter, und aromatisch besitzt er nicht die packende Kraft der anderen. Deswegen aber nicht harmonisch-bekömmlich: wächsern, kieselbitter, überreifer Pfirsich, strenger Zitrus im Abgang. Verliert gegen Ende 2016 langsam seine Kraft. Vom 2011 Schloßböckelheimer Königsfels Riesling trocken kann man das im heißen Sommer 2022 nicht sagen. Irgendwie kam uns beim Genuß das blöde meme vom "kostbaren" Wein in den Sinn, dabei langweilt uns Wein als Investment unendlich, um mit Jancis Robinson zu sprechen. Das pure Wachs der Honigkerze im Duft und noch mehr im Mund, überreifer Pfirsich, erfrischende Orange, aber stets schwingen Teer und Terpentin mit, uns scheint, je älter der Wein, desto kräftiger diese chemischen Akzente. Stark, voll, zitrusschwanger mit angenehm zurückhaltender Süße, unbedingt frisch, dank feinster Säure stets animierend. Einer, mit dem man im Mund spielt, und man kann ihn quälen, mit welchen Begleitern man will: er wird sich durchsetzen. Andererseits: Eleganz, Opulenz, wie man es von einem großen und langsam gereiften deutschen Riesling erwartet. Ein großes Ding.

Jetzt wirds noch schwerer, denn wir kommen zum Dessertwein. 2006 Schloßböckelheimer Königsfels Riesling Auslese Alte Reben: in Duft und Geschmack überreife gelbe Früchte, Teer, Schiefer, in seiner Struktur ölig, massig, ungemein vollmundig, lange anhaltend, hart an der Grenz zur Leckerei und auch gegen Ende 2016 aromatisch so intensiv wie eh und je. Allzuviel konnte man davon kaum trinken, denn Racknitz-typisch forderte er alle Sinne, und während die Erinnerung an so viele gute, auch bemerkenswerte Weine mit den Jahren verblaßt: dieser hier bleibt uns in Erinnerung.