Seit 1949 unterhält die "Landeshauptstadt Stuttgart - Amt für Liegenschaften und Wohnen" ein eigenes Weingut, nur: wer weiß das schon. Dabei sind es immerhin rund 18 ha altbekannter, urschwäbischer Lagen wie das Zuckerle oder die Mönchhalde (die bald von S21 durchgerüttelt werden wird), auf denen landestypische Sorten und einige Exoten wie Syrah, Saint Laurent oder Traminer angebaut werden. Mit Ausnahme von Dornfelder verzichtet man auf Neuzüchtungen. Das fast 40 Positionen umfassende Programm ist mitten in Bad Cannstatt zu erleben und zwar in eindrucksvollen Gewölbekellern, die einst als Luftschutzräume genutzt wurden. Damit hat auch Stuttgart seine "Shelter Winery".

Weissweine

Laut EU-Verordnung muß ein Wein zu 85 % aus jenen Lagen, Rebsorten und Jahrgang bestehen, die auf dem Etikett deklariert sind. Mit den restlichen 15 % kann der Kellermeister spielen und zum Beispiel andere Sorten beimischen, sofern sie aus dem gleichen Anbaugebiet stammen. Das drängte sich auf, als wir den 2012 Weinsteige Riesling trocken probierten. Sein apfel- und paprikafruchtiger Duft erinnert an Sauvignon blanc, auch im Mund entfaltet er den sauvignon-typisch herben, grünfruchtigen Charakter, und der Riesling bringt mit seiner Aprikosenfrucht und Spritzigkeit etwas Leichtes ins Geschmacksbild. Ein erfrischend herber Wein mit trockenem Nachgang, ungewöhnlich und mit hervorragendem Preis-/Leistungsverhältnis. Der 2012 Zuckerle Riesling trocken ist von ganz anderem Typ: im Duft fast badisch gelbfruchtig und blumig, wird er im Mund exotisch: Zitrus, Lychee, Duftholz mit feiner Bitternote. In der Stilistik fast glatt, die leichte Säure macht ihn saftig. Sommerlich unkompliziert, aber ein Wein zum Hineinhorchen. Den (für Württemberg) exotischen Traminer bietet das Weingut als halbtrockene Variante an, aber der 2013 Traminer halbtrocken war uns zu limonadenartig und zitrusbonbonlastig. Hier ist der 2012er Jahrgang die Wahl: sehr viel sortentypischer, saftiger und intensiver als der fast scheue 2013er. Die Aromatik verhungert im Abgang leider etwas. Auch bei den Weißburgundern suchten wir nach dem richtigen Jahrgang: der 2012 Mönchhalde Weißburgunder trocken hatte zu stark abgebaut, notgedrungen griffen wir zum eben abgefüllten 2014er. Sein Duft noch schweflig-mostig, aber das gibt sich schnell. Die Überraschung kam dann beim ersten Schluck: vollmundig, sortentypisch fruchtig, lebendig, erfrischend, jugendlich spritzig. Ein im Sommer 2016 geöffnetes Exemplar hatte leider so sehr nachgelassen, daß wir unsere eigenen Notizen von 2013 nicht mehr nachvollziehen konnten, und das passiert uns sehr selten. Wohl für den schnellen Konsum bestimmt.

Rotweine

Über seinen 2011 Mönchhalde Trollinger trocken schreibt das Weingut: "Im Mund entfaltet sich ein knackig saftiger frischer Trollingergeschmack". Nun gut, aber dieser "Trollingergeschmack" erinnert an undifferenzierten Genossenschaftsstoff, an Veschperwein, wie er früher en vogue gewesen sein mag und leider immer noch seinen Kundenkreis hat. Daß man mitten in Stuttgart oder eben Bad Cannstatt dann doch einen Wein bekommt, der die schwäbische Trollingerfahne hochhält, beweist der 2012 Trollinger halbtrocken. Keine Angst vor diesem "halbtrocken", der Wein ist nichts weniger als klebrig: tief, rund, zurückhaltende Süße, Kirschfrucht kommt spät zum Vorschein, wird füllig und entfaltet sich bis in den knochentrockenen Nachgang hinein. Wenn es also um die Wahl eines Alltagsweines mit Klasse geht, sollte man sich nicht mit weniger Trollinger zufriedengeben. Und dann bietet das Weingut auch Magnums an mit lokalpatriotischem Aufdruck wie zum Beispiel dem Stuttgarter Fernsehturm in Silber auf mattdunklem Glas, darin anderthalb Liter des 2012 Cannstatter Zuckerle Trollinger trocken, den wir bis zu einem Abend im Sommer 2021 eher als Füllmaterial für jenes Showobjekt sahen. Die Überraschung war beträchtlich: orange-brauner Rand in der Farbe, sonst kein Altersnachweis. Im reichen, satten Duft Kirsche, rote Johannisbeere, ein Hauch Vanille, zuckersüß, im Mund dunkelfruchtig, später überreife Erdbeere, sprödes Holz, sehr cremig, trollingertypisch süffig, feine Säurespitzen, durchaus mit Tiefe. Und robust. Der Wein hatte das Pech, gegen Schinkensülze mit Bratkartoffeln, Senf, Meerrettich, antreten zu müssen, aber das war kein Problem für ihn. Nach zwei Tagen im Kühlschrank wandelte sich die Farbe in Richtung rostrot, das Herbstlaub trat immer stärker hervor, was zu jenem verregneten Sommer gut paßte. In der ertragsreduzierten Spitzenlinie gefiel uns besonders die 2011 Rotwein-Cuvee Mönchhalde "Villa Gemmingen" trocken aus Spätburgunder, Lemberger und Dornfelder - ihr Stil französisch-kräftig, saftig und kompromißlos trocken, in der Aromatik dunkle Früchte und, warum soll man es nicht so sagen, würzig-herbe Waldluft. Wie es sich gehört mit sehr langem Nachgang. Der Wein braucht unbedingt leichte Kühlung. Die 2012 Cuvee Mönch Ulrich Mönchhalde Syrah-Laurent wirkt weniger durch ihre Frucht sondern durch die saftige Stilistik und den vollen Körper, sie verlangt Wild oder rezenten Käse zur Entfaltung. Im Duft dunkel, rotfruchtig, im Mund gut eingebundene Säure, trocken, langer weicher Nachgang, sehr animierend.