LW über...

24 September 2015

Unsere Erlebnisberichte

Wir haben uns entschlossen, mit der neuen Version unserer Website die berüchtigten „Erlebnisberichte“ auf einer eigenen Seite zusammenzufassen. Worüber es in diesen Berichten geht? Darüber, was nicht passieren sollte.

Wenn uns Weine ihrer Eigenart wegen nicht schmecken oder wir sie nicht verstehen, das Weingut ein Formtief durchläuft, das Verkaufspersonal einen schlechten Tag hat, wie auch immer, müssen wir nicht darüber schreiben. Wir ziehen über niemanden her und amüsieren Sie und uns nicht auf Kosten Dritter. Und ob uns Winzerin und Winzer sympathisch sind oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle. Wenn sich jedoch drittklassige Produkte, arrogantes Gehabe, Unfähigkeit und/oder Unverfrorenheit zueinander gesellen, ist es uns Pflicht und Vergnügen, zu berichten. Zwar wollen wir einen solchen Bericht ausdrücklich als Warnung verstanden wissen, empfehlen Ihnen aber, sich vor Ort ein eigenes Bild zu machen.

21 August 2015

Samtrot - der Schrecken des Weinkenners

In irgendeinem blog lasen wir kürzlich: „Da wendet sich der Weinkenner mit Schrecken ab“. Ging es um Trollinger? Mag sein, oder um Kerner, Lemberger, es ist gleich, denn Württemberger Wein ist manchem Wein"kenner" stets einen Lacher wert. In dem Fall jedoch ließ man sich über Samtrot aus.

Es muß zu Beginn der 1920er Jahre gewesen sein, als der Heilbronner Winzer Hermann Schneider - ja, der uns die Institution der "Württemberger Weinkönigin“ bescherte - inmitten seiner Schwarzrieslingstöcke eine unbehaarte Mutation entdeckt. Das oft kolportierte Jahr 1928 ist mit Sicherheit falsch, denn 1929 übernimmt die Staatliche Lehr- und Versuchsanstalt für Wein- und Obstbau in Weinsberg die Kultivierung der Sorte. In der Zwischenzeit muß Schneider Überzeugungsarbeit leisten und sich gegen die Forderung der Weinbürokratie wehren, die unerwünschte Mutation zu vernichten. Ab 1958 taucht Samtrot im Bundessortenregister auf, aber sonst tut sich nichts: Mitte der sechziger Jahre ist Samtrot fast ausgestorben, bis der Winzer Hermann Able - ja, der „Weindichter" - versprengte Stöcke im Heilbronner Raum buchstäblich zusammensucht und mit schließlich 13 Exemplaren die Sorte neu belebt.

Die Weinwelt der sechziger Jahre kann mit Samtrot nichts anfangen, darin gleicht sie der Gegenwart; Scientia Vitis et Vini 1, 1969 führt Samtrot sogar als "Neuzüchtung". Es sind um 1970 marktwirtschaftliche Erwägungen, die den Württembergischen Weinbauverband dazu bringen, Samtrot dem Kerner und Trollinger zur Seite zu stellen: auch wenn alles gleich süß schmeckt, es trägt ein anderes Etikett. Heutzutage ist Samtrot wieder Exot, und auch den Trend zu autochthonen Rebsorten hat die kaum beachtete Sorte verschlafen. Der Wein"kenner" dieses blogs allerdings hätte wissen müssen, daß er sich kaum etwas Echteres einschenken kann als Samtrot und zwar von einem der Winzer im Heilbronner Raum, die es verstehen, alles aus der Traube herauszuholen.

Nachtrag Mai 2019: vorläufiger Tiefpunkt ist ein Bericht auf "faz.net" vom 05. Mai 2019. Darin führt der Journalist den Samtrot allen Ernstes als "vergessene Rebsorte". Im Gegensatz zu Samtrot kann man den Artikel vergessen, aber das ist bei der heutigen Journaille ja nichts außergewöhnliches.

05 Mai 2015

Plädoyer für den Korken - Teil 2

…was heißt Plädoyer - welcher Weintrinker gäbe die Vorteile des Schraubverschlusses nur der mangelnden Ästhetik wegen preis. Trotzdem halten wir die Rinde der Korkeiche mit ihrer Luftdurchlässigkeit und der subtilen Geschmacksbeeinflussung hochklassigen Weins für den idealen Flaschenverschluß. Vorausgesetzt, die Korkproduzenten verhunzen die Sache nicht.

Das fängt mit der Häufigkeit der Ernte an. Nach 30 bis 40 Jahren des Wachstums beginnt eine Korkeiche qualitativ hochwertigen Kork zu liefern, Teile der Rinde können also abgeschält und verarbeitet werden. Danach benötigt die Korkeiche mindestens zwölf bis fünfzehn Jahre Erholung bis zur nächsten Ernte. Die erhöhte Nachfrage nach Korken infolge der Erschließung neuer Absatzmärkte verleitete mancherorts zu häufigeren Ernten mit der Konsequenz einer geringeren inneren Dichte des Materials: weicher, offenporiger, luftdurchlässiger, den Wein weniger gegen Oxidation schützend, kurzum: schlechter und möglicherweise einer der Hauptgründe für den Weinfehler Premox. Der Klimawandel, der unsere Breitengrade feuchter, aber korkproduzierende Länder wärmer macht, führt ebenfalls dazu, daß die Eichen dünnere Rinde entwickeln.

Das bekanntere Problem ist der "Korkschmecker", also der Gehalt an unüberriechbarem Trichloranisol (TCA) im Wein. Auch er entsteht nicht aus dem Kork selbst, wie man immer wieder liest („fehlerhafter" Kork), es ist die fehlerhafte Behandlung des Rohstoffes durch den Produzenten. Kork muß vor der Verarbeitung desinfiziert werden (muß er das? Manche Produzenten verneinen diese ewige Wahrheit und fahren gut damit). Korkplatten werden also mit chlorphenolhaltigen Mitteln gewaschen, und bei hoher Umgebungsfeuchte wandeln Schimmelpilze Chlorphenol zu Trichloranisol um. Zwar ist die Verwendung von Chlorphenolen in der EU inzwischen verboten, aber warum stirbt der Korkton dann nicht gefälligst aus? Weil Chlorphenole seit Jahrzehnten zur Reinigung und Desinfektion von allem Möglichen verwendet wurden und sich in Natur und Weinkellern anreicherten. Da Trichloranisol und seine Verwandten (z.B. TBA und Naphtalin) hochinfektiös sind, bedarf es gar nicht mehr des befallenen Korkens. Beispielsweise das imprägnierte Holz, auf dem vielleicht Schraubverschlüsse transportiert werden - ob mit oder ohne Plastikverpackung -, kann infiziert sein und diese Schraubverschlüsse verseuchen. Damit haben wir noch beliebig viele Jahrgänge trichloranisolduftenden Weines vor uns. Die in den 2020er Jahren propagierte Lösung, einen echten Korkstopfen mit einer dünnen Platte aus Preßkork zu versehen, die auf TCA/TBA-Reinheit geprüft ist, muß den Langzeittest erst noch bestehen, denn vorgenannte Platte (Granulat mit Bindemitteln) wird auf den Naturkork geklebt und steht im direkten Kontakt mit der Flüssigkeit. Die Katze hat sich in den Schwanz gebissen.

11 März 2015

Objektive Punktesysteme

Wer erinnert sich nicht an die Szene im „Der Club der toten Dichter“: Robin Williams als Lehrer Keating fordert seine Schüler auf, eine Seite aus ihrem Englischbuch herauszureissen - jene Seite, auf der ein Literaturprofessor die Qualität von Poesie als Koordinate irgendwo zwischen "importance" und "perfection" definiert. Verstanden wir Kinobesucher nicht sofort, was Keating meinte, lächelten wissend und wünschten uns auch solche Lehrer? Statt solcher Lehrer bekamen wir die Professoren. Jedenfalls in der Weinszene und zwar in Gestalt von Robert Parker und seinen zahllosen Nachäffern (der underground wine letter nennt sie die "big number boys"), die das amerikanische 100-Punktesystem, worin seltsamerweise 50 Punkte gleich Null sind, salonfähig machten. Endlich schien die Flut sensorischer Eindrücke, die Wein schenkt, objektiv messbar und damit auch den völlig Ahnungslosen vermittelbar. Heute sind Parkers Fehlurteile legendär, vor allem im Kreis der Weininvestoren. Gerhard Eichelmanns hilflose Bemerkung, die Punkte aus einer Verkostung, sagen wir toskanischer Weine, seien nicht mit denen z. B. israelischer Weine vergleichbar: 87 Punkte ungleich 87 Punkte, könnte man noch nachvollziehen. Punkte als Maßstab nur innerhalb des Landes, der Region, des Weinguts? Mit seinem Kommentar über eine Verkostung, es mag Ch. Latour gewesen sein „…die 100 Punkte dieses Jahr sind mehr wert als die 100 Punkte vom letzten…“ führte Parker sein Konzept endgültig ad absurdum. Und aus war es mit der Objektivität.

Punktesysteme sind Ausdruck eines Scheiterns: auf der Kritikerseite sind sie Zeichen von Sprachlosigkeit und oft Ausdruck einer tiefen Müdigkeit. Und der Kunde schielt auf Punkte, weil er seinem eigenen Geschmack nicht über den Weg traut und trinkt, was Kritiker und Händler ihm sagen (drink with your ears) oder was Punktezahlen auf den Etiketten ihm sagen (drink with your eyes). Auch die Frage, weshalb zum Beispiel Bier nicht punktebewertet wird, hat noch niemand beantwortet. Es hilft nichts: einzige Möglichkeit ist nach wie vor die - möglichst - objektive Beschreibung in Worten. Objektiv kann hier nur heißen: frei von Einflüsterungen des Winzers und seiner peer groups, frei von Poesie und ganz in grauer Prosa. Sobald der Wein im Mund ist, vergeht sowieso alles in purer Subjektivität. Natürlich bewegen wir uns damit im Ungefähren, aber wir halten das für aufrichtiger als unsere Leser mit pseudomathematischer Exaktheit eines Punktesystems zu täuschen.

Nachtrag: Robert Parker hat sein Medienimperium längst versilbert. Nun treiben südostasiatische Investoren den Unfug weiter. Glänzende Gelegenheit, wieder mehr dem eigenen Urteil zu vertrauen.

20 Dezember 2014

Weinbau ökologisch...

Niemand muß heutzutage Frost und Hagel als Gottesgericht hinnehmen. Kaltluft zum Beispiel verhält sich wie eine breiige Masse, wälzt sich in Senken und Täler und läßt die Weingärten dort erfrieren, nicht jene auf der Kuppe. Abhilfe schaffen Bewindungsanlagen, die mithilfe tausender Liter an Dieselkraftstoff den Kaltluftsee in der Senke aufwirbeln und erwärmen. Oder man greift zu elektrisch betriebenen Heizöfen. Die Gefahr von Hagel, eventuell sogar Sturzregen, läßt sich mit Silberjodid-Aceton bändigen, das von sogenannten Hagelfliegern in Wolken versprüht wird. Und hat es vor der Ernte doch mal geregnet, können wirbelnde Hubschrauber-Rotoren die Weingärten trocknen. Im Frühjahr 2016 bewundern wir die schönen Bilder aus der Schweiz, wo nachts tausende Fackeln die Weinberge beleuchten, um Frost zu vertreiben, und die Gegend in undurchdringlichen Qualm tauchen. Man hat die Wahl: ökologisch konsequenter Weinbau unter Inkaufnahme großer wirtschaftlicher Verluste oder Ökosiegel als pures Feigenblatt? Ökologischer Weinbau, wie er meistens betrieben wird, erinnert uns an E-Auto fahren mit Kohlestrom. Vollends zynisch kann man werden angesichts von sauber mit billigem Mulch ausgelegten Weingärten; Mulch aus mit chromatierten, arsensauren Salzen imprägniertem Recyclingholz, das sich übers Jahr auswäscht.

Apropos Ökosiegel: wer das Glück hat, handtuchgroße Weingärten inmitten der Flächen von Massenerzeugern zu besitzen, kann den per Helikopter versprühten Pflanzenschutz auch so mitnehmen, ohne selbst spritzen zu müssen. Er darf das Siegel mit Stolz und Recht führen.

26 Mai 2014

Die VDP-Klassifizierung

Das absurde Weingesetz von 1971 wurde viel beklagt. Seine Protagonisten waren weniger von Sachverstand als von Lobbyinteressen getrieben, die Amtsqualifikation einer Unterzeichnerin bestand darin, kein NSDAP-Mitglied gewesen zu sein (der andere war es, nun gut). Zwei Beispiele: mit der eingängigen These, wonach ein Wein umso "besser" sei, je höher der Reifegrad der Trauben ist, ihr Zuckergehalt also, läßt sich profilloses Zuckerwasser ganz legal als „Spätlese" verklappen. Und die in den siebziger Jahren weitläufig bekannten Namen von Spitzenweingärten wie zum Beispiel der "Trittenheimer Apotheke" bezeichneten plötzlich eine ganze Region einschließlich minderwertiger Lagen. So konnte man nun eine Flasche „Apotheke“ extrem günstig erstehen. Die Trauben hatten die abenteuerliche Steillage, die den Wein einst berühmt machte, zwar nie gesehen, aber ihr Most war süß genug, um den Wein zur „Spätlese“ werden zu lassen: Massenerzeuger konnten große Namen parasitär nutzen, ohne ihnen jemals gerecht werden zu müssen. Der Verband der Prädikatsweingüter (VDP) unternimmt unermüdlich Versuche, Gespenster zu vertreiben und zurück zu dem zu kommen, was hochwertigen Wein ausmacht: Qualität der Lagen anstatt Quantität der Oechslegrade. Nach zehn Jahren des Hinundherdiskutierens gilt ab dem Jahrgang 2012 folgende Klassifikation:

VDP.Gutswein ® von gutseigenen Lagen und nach den VDP-Standards (z. B. umweltschonende Bewirtschaftung, Ertragsreduzierung) erzeugt.
VDP.Ortswein ® aus „besten Weinbergen innerhalb eines Ortes“. Die Definition läßt vermuten, daß solcher Wein nicht mehr durch Traubenmaterial minderwertiger Herkunft verwässert ist.
VDP.Erste Lage ® aus Lagen, in denen „nachweislich über lange Zeit“ Weine mit nachhaltig hoher Qualität erzeugt wurden.
VDP.Große Lage ® aus „parzellengenau“ abgegrenzten Einzellagen. Mit ihr soll der einzigartige Charakter weniger Quadratmeter eingefangen werden, was gewaltig nach Terroirwein, ehrwürdiger Geschichte, hohen Preisen klingt und an Burgunds „Clos soundso“ erinnert. Warum nicht. Viel Wert legt der VDP darauf, daß Weine dieser vier Klassen zu 80 % aus regional festgelegten, gebietstypischen Rebsorten gekeltert werden - und hoffentlich gelten Neuzüchtungen gleich mal konsequent als nie gebietstypisch! Interessant scheint uns die vertikale Durchlässigkeit vom Gutswein zur großen Lage in diesem Konzept: jeder Gutswein trägt den Marschallstab im Tornister, sofern sein Winzer solche Ambitionen hat.

Natürlich besitzt der VDP keine Regelungshoheit. Der aktuelle Vorschlag ist ein inoffizieller mit privatrechtlichem Status und nur für VDP-Mitglieder verbindlich. So wird er den (im doppelten Wortsinne) Massenabfüllern sonstwo vorbeigehen, zumal deren Kundschaft auf den Zuckergehalt als Qualitätsmaßstab konditioniert ist. Auch die Europäische Union, die den nationalen Gesetzgebern deren Regelungsbefugnis längst entzog, mag sich nicht vom Mostgewicht als Qualitätsmaßstab trennen. Aber ihr geht es ja um die sozialgerechte Versorgung möglichst breiter Bevölkerungsschichten mit preisgünstigem Alkohol.

Nachtrag: umso mehr freut es uns zu sehen, daß immer mehr Nicht-VDP-Winzer sich entweder dem System anschließen oder ein darauf aufbauendes entwickeln.