Podcasts rund um Wein gibt es seit vielen Jahren, auch wenn es kaum jemand mitbekam. Das sagt alles über das Publikumsinteresse, und der Winzer kann noch nicht mal Probierpakete verkaufen, wie das seinerzeit bei den Online-Weinproben gang und gebe war. Derart konzertiert und konzentriert wie bei einer (kostenpflichtigen) Online-Weinprobe funktioniert ein Wein-Podcast nicht.
Nun haben Podcasts bekanntlich den Vorteil, daß nichts Visuelles die Botschaft stört, mithin könnte man auch soeben der Gärtankreinigung entstiegen sein und trotzdem eine erstklassige Vorstellung abliefern. Ab da wird es kompliziert - nicht nur, was das Technische betrifft. Wer aber auf die - theoretisch - enorme Reichweite eines Podcasts nicht verzichten möchte, lieber agiert anstatt zu re-agieren und den Aufwand gering halten will, dem sei Folgendes ans Herz gelegt:
Wen soll der Podcast eigentlich ansprechen - Stichwort Zielgruppe. Potentielle Kunden oder existente? Weintrinker so ganz allgemein oder gleich die ganze Menschheit?
Welche Botschaft will man vermitteln, die über Inhalte eines eventuellen Webauftritts oder existierender Printmedien hinausgeht und nicht nur die nahe Verwandtschaft interessiert - Stichwort: Relevanz. Und ist die Relevanz so bedeutend, sprich: nachhaltig, daß sie einen Podcast rechtfertigt - den erheblichen Aufwand der Planung, Durchführung, der Vor- und Nachbereitung, und alles regelmäßig, planvoll und über einen nicht zu kurzen Zeitraum hinweg?
Was heißt hier Nachbereitung: die Plattformen, auf denen der Podcast erscheint, bieten in der Regel der Zuhörerschaft die Möglichkeit, das Gehörte zu kommentieren. Zeit ist also auch noch einzuplanen, um auf Kommentare einzugehen und Bindung zu den Zuhörern zu schaffen (Neudeutsch: zu connecten). Diese Bindung erschließt nicht nur neue Käuferschichten, sondern inspiriert zur Weiterentwicklung des Podcasts. Im Idealfall entsteht ein sich selbst verstärkender Regelkreis.
Problem: Nicht jede Frau, nicht jeder Mann ist mit einer klaren, sonoren Stimme gesegnet, spricht lebendig, akzentuiert und einigermaßen verständlich. Schon gar nicht ist jeder spontan und schlagfertig genug, um mitzureißen, Unerwartetes zu meistern oder kann aus einem reichen Vorrat an themenrelevanten und amüsanten Anekdoten schöpfen. Das „Maschinengewehr Gottes“ aus Hamm ist eben ein Naturtalent.
Was passiert: es wird nicht gegessen, es wird gesprochen. Es wird nicht herumgelaufen, sondern gesessen. Es wird kurz am Glas genippt und (hoffentlich anerkennend) gebrummt, es wird nicht ausgetrunken. Und dann wird wieder gesprochen. Der Zuhörer sieht nichts, kann weder in Mimik noch Gestik lesen, jede Emotion und Handlung kann nur akustisch übermittelt werden (nicht jede muß es unbedingt).
Einer spricht, nicht zwei oder gar mehrere gleichzeitig. Zum Wohle der Zuhörerschaft nimmt man das eigene Ego zurück: man läßt den Moderator (zu ihm unten mehr) und die Gesprächspartner ausreden - schön ein Satz nach dem anderen. Für Streitgespräche taugen Weinpodcasts nicht.
Wie lange wird gesprochen: das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom ist eine der Folgekrankheiten unseres social media-Zeitalters. Wir schlagen vor: dreißig Minuten, im Zweifel etwas länger, damit die Folge nicht als Werbeeinblendung mißverstanden wird. Aber nicht zu lange. Wir kennen Weinpodcasts von neunzig Minuten plus: nur für Vielfahrer erträglich.
Wir halten zwei, maximal drei Sprecher für ein sinnvolles Maximum; mehr sind gefährlich, weil das Gespräch verwirrend wird (wer war das, der da quatscht?), alle müssen Disziplin wahren und von dem Moderator im Zaum gehalten werden, sprich: so lange die Klappe halten, bis sie angesprochen sind.
Apropos Moderator: wir sprachen noch gar nicht über die hohen Anforderungen, denen diese Person genügen muss, geschweige denn über den ganzen Technikkram. Möchte man also einen Podcast auf die Beine stellen, wäre es da nicht eine gute Idee, sich an einen Profi zu hängen, der Erfahrung hat - auch etwas Erfahrung mit dem Thema Wein - , damit über technische Ausstattung und dazugehöriges Team verfügt und idealerweise über ein Image, von dem man profitieren könnte? Das Risiko, an narzistische Selbstdarsteller*Innen zu geraten, bleibt. Und wir halten einen einzigen Moderator für ausreichend, weil wir zu oft erlebten, daß mehrere in ihrem Aufmerksamkeitswettstreit gefangen waren, und sich kaum mehr um ihre Gesprächspartner kümmerten - in dem Zusammenhang auch Vorsicht vor eingekauften Instagram-„Stars“.
Der erfahrene Moderator also unterstützt die Vorbereitung, erstellt ein Skript, hinterfragt Selbstverständlichkeiten, strukturiert, moderiert (na klar), er motiviert eine schläfrige Runde, diszipliniert Übereifrige und überspielt sekundenlange Stille (drei Sekunden können unendlich wirken), kurzum: er orchestriert Chaos hin zu einer Symphonie. Natürlich: er will bezahlt werden, und ob er an einem längerfristigen Engagement interessiert ist, wird zur Verhandlungssache. Ein konsistentes Marketing- und Kommunikationskonzept wird er sicherlich nicht ersetzen, darüber muß man sich schon selbst den Kopf zerbrechen.
Na dann machen wir doch gleich weiter: viel Ahnung von der Berufung Wein, aber wenig von konsistentem Marketing- und Kommunikationskonzept? Keine Schande, aber dann sollte man es gleich richtig machen und das gesamte Konzept - von der Zielgruppenanalyse und passender Promotion samt Print- und elektronischen Medien bis hin zum Etikettendesign oder Re-Branding - einer Agentur anvertrauen oder überarbeiten lassen. Teuer? Sicher. Marktpotential links liegen lassen?
Sehr teuer.