„Summer of love“ 1969... Die Winzerfamilie Bihlmayer fasst den Entschluß, die Genossenschaft zu verlassen und auf eigenen Füßen zu stehen, weitet ihre Flächen auf inzwischen immerhin rund 18 ha aus und baut Württemberger Klassiker, sogar Samtrot an, wie sich das für die Gegend gehört, jedoch auch weiße Burgunder, Riesling sowie „newcomer“ wie Merlot und Neuzüchtungen wie Cabernet Blanc, die noch seltene Weinsberger Kreuzung Sauvitage und andere. Das mit rund 50 Positionen breit angelegte Sortiment umfaßt die Linien: Gutsweine, „Weinschwestern“, Lagenweine und „Terroirweine“, was einleuchtender klingt als es ist, aber dazu unten mehr.

Gutsweine, Weinschwestern...

Beginnen wir mit dem 2024 Riesling trocken. Im Duft des stahlausgebauten Weines das sortentypische Eisbonbon, hier einmal ausdrucksvoll und sehr süß. Was danach kommt, lesen wir auf der leergebliebenen Seite unseres Notizblocks: ja, genau das, und dasselbe notieren wir zum 2024 Weißburgunder trocken, kurzum: man muß sich bei Bihlmayers nicht mit der weißen Basis aufhalten, sondern kann unbesorgt in höhere Klassen wechseln - ohne das Gefühl, Spannendes verpaßt zu haben. Das gilt zunächst auch für die rote Fraktion: die Attribute des 2023 Trollinger trocken lauten: süß und glatt, und das wars (der 2022 Trollinger „Trumpet Sound“ aus der „Weinschwestern“-Serie ist um Längen interessanter). Bemerkenswert die Cuvees aus Lemberger, Acolon und Cabernet Mitos - zum einen die kräftige, nicht zu süße und knochentrockene 2021 „Dunkelrot Rotweincuvee“ mit prominentem Akzent von eingelegter roter Paprika, zum anderen die etwas weichere, süßere und immer noch trockene „Weinrot Rotweincuvee fruchtig“, bei der die Paprika-Note grüner, vegetabiler wird, die dunkelrote Beerenfrucht deutlicher. Zwei gelungene, dichte Cuvees mit südeuropäischem Anklang, für die Gegend weder untypisch noch unbedingt neu.

Belassen wir es dabei und wechseln zur Linie „Weinschwestern“ mit ihren gestalterisch äußerst gelungenen Etiketten. Im Wesentlichen handelt es sich um leichte, recht unkomplizierte und zumeist auf der weißen Seite stehende Weine, wobei Bezeichnungen wie „Hurlyburly“, „It’s tricky, it’s drinky“, „Grau wird bunter“ und so weiter auf Einsatzgebiet und Zielgruppe schließen lassen: Sommerterrasse, Pool, Picknick, die Gesellschaft jung, attraktiv, immer gutgelaunt, vergleichbar den Frisbee-Spielern in der „Jever-Alkoholfrei“-Werbung, nur wahrscheinlich woanders als am Nordseestrand. Und warum nicht. Der Weinkonsum junger Erwachsener schrumpft aus verschiedenen Gründen, die „Kenner trinken Württemberger“-Altersklasse tritt langsam ab, insofern treffen derartige Kampagnen-Weine durchaus das Ziel, prätentiöse Ernsthaftigkeit abzuschütteln und die eher hedonistische Konsumlust neuer Käuferschichten anzusprechen. Unter den rund 50 Weinen in Bihlmayers Programm würden wir fast die Hälfte dieser „Spaß“-Kategorie zuordnen.

...und anderes

Andererseits trifft so etwas nicht alle Geschmäcker - schon gar nicht fortgeschrittene - und interessiert nicht jede potentielle Kundschaft. Bihlmayer trägt dem Rechnung mit dem orangen- und apfelfruchtigen 2023 Chardonnay „Vom Gipskeuper“ trocken aus einer „Terroirwein“-Linie, der wiederum auf der - etwas - süßeren Seite steht, damit unmittelbar zugänglich ist, hohe Trinkgeschwindigkeit aufweist, vor allem aber mit Tiefe, langem Nachhall und feiner, "griffiger" Schleifpapiersäure überzeugt. Robuster Begleiter der leichten, auch vegetarischen Sommerküche, und zu italienischen Antipasti funktionierte er auch. Außerdem verbergen sich unter dem Namen „Plein de Vie“ zwei Naturweine aus Grauburgunder beziehungsweise Chardonnay in der Weinliste - irritierend unter der Linie „Weinschwestern“ geführt. Im Duft des 2022 Chardonnay trocken „Plein de Vie“ süße Orange, etwas Popcorn, Heu, Matcha, weiße Blüten, zunächst auch leichte Animalik; im Mund kraftvoll, saftig, mund- und magenfüllend, (bitter-)orangenfruchtig, und vielleicht ist die Orange in Brandy eingelegt, saurer Boskop und wieder Popcorn, nicht zu trocken, feinste Säure. Langer, teebitterer Nachhall, und die ganze Pracht entfaltet sich viel eindrucksvoller, wenn der Wein nicht zu kühl serviert wird, sonst bleibt das ganze auf Teestaub reduziert. Das gilt auch für den 2022 Grauburgunder „Plein de Vie“ trocken, und der wirkt eine Spur süßer, zugänglicher, weniger „eigen“ (mangels eines besseren Begriffs), und ebenso herausfordernd, spannend, facettenreich wie der Chardonnay. Für uns fraglos die zwei Stars von Bihlmayer, heiße Kandidaten für einen Platz in unserer "Hitliste 2026" und im Programm völlig falsch positioniert. Interessant für Erfahrene im Thema Natur/Orange, für Entdecker und für Weinforscher. Nichts für die Spaßgesellschaft und ohnehin nicht die Wahl für jeden Tag: zu teuer, zu komplex, zu faszinierend und anstrengend. Aber wen das alles nicht zurückhält: Glückwunsch!

Ein Fazit

Um es deutlich zu sagen: es handelt sich hier um ein Weingut mit spannendem, vielfältigem und manchmal irrlichterndem Programm, in dem man sicherlich das für sich Passende findet, wenn man Zeit investiert (zum Beispiel auf Bihlmayers schöner Sonnenterrasse). Um "das Passende" jedoch zu finden, muss man sich hindurchtrinken. Das klingt trivial, aber die Produktlinien scheinen uns nicht so klar definiert, als daß von vornherein klar wäre, worauf man sich als Kunde konzentrieren könnte - einer der Gründe, weswegen wir eine unverwechselbare Machart, eine Typizität, nicht zu erkennen vermochten. Hier scheint Bihlmayer seine unique selling proposition noch zu suchen.